Neben der zuerst in der Zeitschrift „Neue Jugend” bestimmte

Neben der
Neuentdeckung der alten Traditionen und der Kritik an der konfuzianischen
Philosophie geriet ein weiterer Aspekt mit langer Geschichte in den Fokus der
Aufmerksamkeit junger Intellektueller. Sie wollten nach 3000 Jahren die
Vorherrschaft der sprachlichen Literatur beenden und eine literarische
Revolution initiieren, bei der die schriftliche Sprache einer breiteren Masse
zugänglicher gemacht werden und somit die neuen Ideen der Wissenschaftlichkeit
und der Emanzipation propagiert werden sollten.1
Die klassische Schriftsprache war in der langen Dynastiegeschichte Chinas
hauptsächlich der Oberschicht und den Privilegierten vorbehalten. Obwohl
schriftliche Werke in umgangssprachlicher Form als minderwertig und
künstlerisch stümperhaft galten, begegneten ihr nicht alle Gelehrten mit
Ablehnung. Aus der sprachlichen Primitivität wurde Eingängigkeit und aus ihrem
Mangel an ästhetischer Gewandtheit wurde Schlichtheit und Aufrichtigkeit. Im
Gegensatz dazu, war die klassische Literatursprache von Esoterik, künstlerischer
Schrift, Metaphern und komplizierter Grammatik geprägt, sodass sie sich von der
mündlichen Sprache formal so weitunterschied, dass man ein langwieriges Studium
abschließen musste, um sie angemessen zu beherrschen und selbst für geschulte
Menschen blieb sie meist nur visuell erschließbar.2
So war es für eine Revolution in der politischen und sozialen Struktur des
Landes unerlässliche Voraussetzung, das Privileg der literarischen Bildung auf
sozialer Ebene auszuweiten und somit die Bildung zu verallgemeinern.

   Im
Zuge der revolutionären Bewegung war es ebenfalls Hu Shi, der zuerst in der
Zeitschrift „Neue Jugend” bestimmte literarische Auffassungen und damit
verbundene politische Zielsetzungen in Form von Publikationen verbreitete.
Darin forderte er in seinem Artikel „Tentative proposals for the improvement of
literature”, der 1917 veröffentlicht wurde, eine „Erzwungene Revolte”3
und die Ablösung der klassischen Schriftsprache (Guwen) durch eine
volkstümliche und „lebensnahe” Sprache (Baihua).4
Zusammenschlüsse literarisch interessierter Intellektueller jener Zeit nahmen
es sich daraufhin zur Aufgabe, eine neue Wendung in der literaturtheoretischen
Diskussion mit der Forderung nach einer Literatur in Umgangssprache zu
erwirken. Vor dem Hintergrund dieser, auch als „kulturelle Revolution” in die
Geschichte eingegangenen, Bewegung müssen alle folgenden literarischen Debatten
konstatiert werden.5

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Als wesentliches
Kriterium für den Wert jeder Literatur hatte Hu Shi die Sprache bezeichnet. Da
seiner Ansicht nach lebendige Literatur nur in lebendiger Sprache entstehen
könne, fordert er die Einführung der Umgangssprache als Literatursprache.
Diesen Standpunkt indes, dass in einer „toten” Sprache keine wertvolle
Literatur verfasst werden könne, begründete er mit einer Auffassung von
Literatur, die eigentlich immer schon im Zentrum chinesischer Literaturtheorie
gestanden hatte: dass nämlich Literatur dazu diene, Gedanken und Gefühle zum
Ausdruck zu bringen. Hu Shi betonte hierbei das Wesen der Literatur, das sich nur
durch ihre Funktion zur subtilen Vermittlung von Gedanken und Gefühlen immer
wieder neu erschaffen und erhalten kann. Darin liegt auch der Wert der
literarischen Schaffung. Werke, die sich der Wenyan, also dem klassischen
Chinesisch bedienen, seien in ihrer veralteten Ausdrucksdogmatik verfangen und
verlören somit jegliche selbstgenerative Kraft. Dementsprechend könne eine
„…tote Schriftsprache … keine lebendige Literatur hervorbringen. 6

Ihm stimmten
zahlreiche Mitglieder literarischer Studiengesellschaften zu und räumten der
Subjektivität und damit einer gewissen Freiheit im schöpferischen Prozess einen
größeren Spielraum ein. Zheng Zhenduo (1898-1958), der später als
Literaturhistoriker hervortreten sollte, brachte die Aufgabe der Literatur
einmal auf folgende Formel:

    „Literatur ist der natürliche Ruf des
menschlichen Lebens, der Ausmaß menschlicher Gefühle in schriftlicher Form; sie
hat nicht die Verkündung einer Lehre und noch weniger das Vergnügen zum Ziel,
sondern sie will durch den Ausdruck wahrer Gefühle bei den Lesern ein mitfühlen
hervorrufen” 7

 

Stark durch den
Evolutionismus und sozial-darwinistische Positionen geprägt, begründete Hu Shi
seine Forderung damit, dass jede Epoche ihre eigene Literatur habe und die
klassische Schriftsprache veraltet, „gehaltlos” und „lebensarm” sei.8
Wenn China im sozialen Überlebenskampf nicht untergehen soll, müsse es seine
Sprache erneuern und revitalisieren: „Hu sought literary revolution to provide
a national language that would make China fit for survival by breaching the
wall of immobility in China and providing a tool for further social reform.”9

    Vera Schwarcz setzt dies wie folgt auf die
chinesischen Intellektuellen in Bezug: “By choosing to write in the vernacular
language … intellectuals signaled their determination to break with the
tradition of their literati predecessors”10

Eine solche
Auffassung, dass jede Zeit ihre eigene Literatur habe, war aber nun keineswegs revolutionär; doch fehlte
es nicht an Versuchen der konservativen Opposition, die Regierung zu einer
gewaltsamen Unterdrückung aller Veröffentlichungen in der Umgangssprache zu
veranlassen, da sie radikal reformistische Ideen verbreite. Das stärkste
Argument, worauf sich Hu Shi und auch andere Literaturhistoriker seiner Zeit
beriefen, stützte sich auf die Behauptung, dass alle chinesische Literatur von
Bedeutung seit jeher in der Umgangssprache oder in einer der Umgangssprache
angenäherten Sprachen geschrieben worden seien und dadurch eine Tradition von
Literatur in Umgangssprache seit der Song-Zeit nachweisbar sei.11
Diese Argumentation diente nicht nur unterstützend für seine These von der
innovativen Kraft der umgangssprachlichen Literatur, sie verhalf ihm ebenfalls
dazu, als einer der ersten auf dem Gebiet der Literaturgeschichtsschreibung
einen Überblick über die umgangssprachliche Literatur zu geben. Seine
Bemühungen fanden in einer 1928 in Shanghai erschienenen „Geschichte der
umgangssprachlichen Literatur” (Baihua Wenxue Shi) ihren Niederschlag. 12

Das wirklich Neue
an Hu Shis Argumentation und das richtungsweisende Moment für die spätere
literarische Entwicklung aber war seine Forderung nach neuen Inhalten. Ein
breiteres Spektrum umfasst infolgedessen mehr Gesellschaftsschichten, die bis
dato keinen  Platz in der Literatur fanden.
Vor allem die unterprivilegierten Stände könnten mit ihren alltäglichen
Problemstellungen die Bandbreite der literarischen Thematiken erweitern. Die
soziale Komponente wurde zum wichtigsten Element der literarischen Revolution,
das Chen Duxiu, Dekan der Fakultät für chinesische Literatur an der Universität
von Beijing und der Gründer der “Neuen Jugend”, im Sinne einer sozialen
Revolution verstand.13

Neben der
Sprachform entstand auch nach dem 4. Mai eine ungewöhnlich hohe Anzahl
verschiedener Werke, die sowohl thematisch als auch in der Kompositionsform der
Lyrik neu waren. In der neuen Literatur fand eine viel stärkere
Individualisierung des Erzählers statt, als man es zuvor gewohnt war; diese
Selbstfindung hing mit der ungewohnten Situation und der Persönlichkeit des
Autors selber zusammen. Der Schriftsteller wollte nicht mehr nur seine Umgebung
beschreiben, sondern vielmehr seine eigenen Empfindungen mit in seine Texte
einfließen lassen. So unterscheidet man in der neuen Literatur verschiedene
Klassen, die sich anhand der Stimmung und der Intention des Autors einteilen lassen.
Zu den bekanntesten Vertretern dieser neuen Erzählstile gehören, unter anderem,
renommierte Autoren wie Lu Xun und Mao Dun.14
Ersterer hatte zu Beginn des Jahrhunderts in Japan studiert und sich dort der
revolutionären Bewegung angeschlossen. In seinen, teilweise auch ins Deutsche
übersetzten, Novellen und Essays prangerte er eindrucksvoll die Missstände der
traditionellen Gesellschaft Chinas und ihrer heuchlerischen Moral an. Er hat
durch seine Schriften die nach Erneuerung des gesamten sozialen und moralischen
Lebens strebende Jugend der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre
beeinflusst, wie kaum ein anderer und verdient daher im Kontext der „Bewegung
für kulturelle Erneuerung” mit an erster Stelle genannt zu werden.

   „Wenn das alte
chinesische Schrifttum nicht ausgerottet wird, muß China im Wettstreit mit den
anderen Ländern unterliegen; denn seine Kompliziertheit läßt unsere Kultur in
Ewigkeit nicht fortschreiten. … Ich vertrete die Ansicht, daß sich die
literarische Revolution mit der Volksrevolution notwendig verbinden und
gemeinsam mit ihr fortschreiten muß.”15

Ihm zustimmend
konnten die Intellektuellen somit mit der neuen Sprache und der neuen Literatur
ihre Kritik an dem alten System verbinden. Darauffolgend wurden sämtliche
literarischen Gewinne, Denkrichtungen und Zeitstile aus dem Westen in eigenen
Texten nachgeahmt und umgesetzt.16
Der erste Artikel in Umgangssprache erschien bereits im April 1918 und dieses
Vorbild fand sehr schnell weitere Anhänger. Die Studenten an den Universitäten,
die als erste Träger der 4. Mai Bewegung bereit waren die kulturelle Umwandlung
aufzunehmen, setzten die volkstümliche Sprache ebenfalls schnell ein und
veröffentlichten in dieser Redeweise eigene Abfassungen.17
Auch andere Zeitschriften und Zeitungen, neben der “Neuen Jungend”,
griffen bald die Trivialsprache auf und so schufen die Intellektuellen der
Bewegung des 4. Mai in wenigen Jahren eine Grundlage, um die neue Literatur in
das Schulwesen aufzunehmen, was dazu führte, dass sie einer viel breiteren
Masse zugänglich wurde und nebenbei auch westliche Ideen globaler verbreitet
wurden. Die Umstellung der Sprachform war sehr wichtig, da sie die kulturelle
Erneuerung selbst am Leben erhielt. Nachdem das Erziehungsministerium 1920
angeordnet hatte, die Baihua zur Unterrichtssprache in den Elementarschulen zu
ernennen, war der Siegeszug der Umgangssprache nicht mehr aufzuhalten.18
Nur ein Jahr später wurde bekannt gegeben, dass die Volkssprache
“Staatssprache” werden sollte, und 1922 waren bereits sämtliche
klassische Texte in den Schulen durch Konzipierungen in Umgangssprache ersetzt.
Die klassische Schriftform lebte aber dennoch in Gedichten, Dokumenten und
Briefen fort, denn einige Schriftsteller blieben ihr emotional stark verbunden19.

   Innerhalb dieses Diskurses war der von Hu
Shi angetragene Pragmatismus, den er durch John Dewey zum Hauptgegenstand
seiner Philosophie machte, von erheblicher Bedeutung. Hu Shi und zahlreiche
andere Philosophen erkannten im Pragmatismus das, was der chinesischen
Philosophie fehlte. Sie fühlten sich in dieser ersten Phase der philosophischen
Selbstinterpretation von den technischen, wissenschaftlichen Methoden einer
rein auf die praktischen Konsequenzen ausgerichteten Philosophie angezogen. Der
Pragmatismus, der auch den Namen „Scientism”20
trug, wurde als Initiator für die Ausbildung einer moderneren Wissenschaft
verstanden. Die Wissenschaft selber galt nahezu unangefochten als das, worauf
die Fortschrittlichkeit des Westens zurückzuführen sei und negativ: in ihrem
Fehlen zeigte sie sich als das, worin sich die Rückschrittlichkeit Chinas ausdrückte:

   „These features of
scientism reflected the view of modern Chinese intellectuals of the time that
science was the most significant achievement of Western civilization and their
belief that science could serve as the most rationally acceptable substitute
for the discredited traditional feudal ethical codes and beliefs of China.”21

 

Denn als
besonders erstrebenswert galt die Orientierung an der Nützlichkeit und an den
positiven Resultaten einer „pragmatische Methode”. Allerdings sei hier nicht
das Niveau des Deweyschen Pragmatismus erreicht. Der utilitaristische Zugang
gehe von einer zu engen Definition des Praktischen oder Nützlichen aus, da sich
nur das als praktisch oder nützlich erweise, was unmittelbar als solches
erkennbar sei und seine Nützlichkeit umgehend unter Beweis stellen könne. Das
Altertum bleibt für Hu Shi auf Volksweisheiten und apriorisches Denken angewiesen.
Besonders eingehend widmet sich Hu Shi anschließend der Analyse der
neomohistischen Logik. Er differenziert in diesen Texten fünf Formen des
logischen Schließens: die Deduktion (xiao ?),
die Induktion (tui ?) und die Methoden des Vergleichs (bi ?),
der Parallele (mou ?) sowie die Analogie (yuan ?).22
Es gilt für ihn als belegt, dass es vor allem der neomohistischen Schule
gelungen sei, systematische wissenschaftliche Methoden zu entwickeln:

   „This ist he only
school of Chinese thought which has developed a scientific logic with both
inductive and deductive methods. It has also advanced a theory of knowledge
based on psychological analysis. It continued the pragmatic tradition of Moh Tih
Mo Di and developed an experimental method. 23

 

  Die Neomohisten dürfen nach Hu Shi als
einzige Schule für sich beanspruchen, eine systematische Theorie entwickelt und
eine fundierte, wissenschaftlich orientierte Philosophie begründet zu haben.
Trotz ihres Beitrages zum wissenschaftlichen Denken geriet diese Schule seit
Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. in Vergessenheit. Dafür macht Hu Shi auch
immanente neomohistische Entwicklungen verantwortlich.24

Praktische
Anwendbarkeit wurde zum Kriterium auf der Suche nach einer Möglichkeit mithilfe
der oben beschriebenen ‚kritischen Haltung’ das kulturelle Erbe Chinas zu
„systematisieren” und damit die chinesische Zivilisation zu „rekonstruieren”.

Es war Hu Shis
Anliegen, durch Anleihen an die Methodik seines Lehrers Dewey eine rationale
und nutzbare Rekonstruktion der chinesischen philosophischen Geschichte
durchzuführen. Für Hu ging es nicht um „advanced philosophy”, sondern um
Methoden mit denen man einerseits das ‚Alte’ kritisch evaluieren konnte und
andererseits das ‚Neue’, die westliche Wissenschaft und ihre Theorie, aufnehmen
und verarbeiten konnte.

   „What Chinese
philosophy lacked and needed to assimilate from Western learning was a proper
method. As Yu Yingshi argued: ‘There is a very obvious tendency of reductionism
in Hu’s ideas. He reduced all academic thought, even the whole of culture, to
method. … It is evident that he took all doctrines as »hypotheses,« as
»corroborated materials,« as »tools of ideas,« meaning that doctrines could
show their value only after being reduced to methods.'”25

 

Sein ins Englische übersetztes Werk An Outline of the History of Chinese Philosophy (1919) und sein
früher erschienenes Forschungswerk: The
Development of the Logical Method in Ancient China (1917) zeugen von diesen
Prämissen.

Wissenschaftliches
Vorgehen beinhaltet laut Hu Shi die prinzipielle Ablehnung absoluter Prinzipien
und deckt sich mit der pragmatischen Definition von Wahrheit. Wissenschaft
setzt für ihn Beweis und Hypothese als unverzichtbare Elemente eines
methodischen Vorgehens voraus, wobei es, wie die Neokonfuzianer der Song-Zeit
belegen, ohne Aufstellung einer Hypothese auch keinen Beweis geben kann.26.

In seiner späteren komparativischen Analyse der
wissenschaftlichen Methode, betrachtet er grundsätzlich die westliche
wissenschaftliche Methode als ausgereifter und bestätigt den
qualitativen methodischen Sprung, der bei einem Vergleich der beiden
Traditionen deutlich wird. Hu Shi scheint nicht nur in höchstem Maße für die
methodischen Differenzen sensibilisiert, sondern versuchte gerade diesen
Unterschied zu vermitteln.